Lektionen in Sachen Spanisch und Politik

Während vier Wochen ueben wir uns in Spanisch, Salsa und Tischfussball. Mit vier Stunden Einzelunterricht am Tag und reichlich Hausaufgaben vergeht die Zeit wie im Flug! Wir haben uns in einem gemuetlichen Apartement eingenistet, das wir manchmal mit zwei anderen Reisenden teilen…

Nach ein paar Monaten unterwegs ist es einfach zu schoen mal wieder eine Art «zu Hause» zu haben, wenn auch nur fuer ein paar Wochen. Vor allem Kueche und Kuehlschrank sind unsere neuen Freunde, aber auch der Mercado Central, der quasi vor userer Haustuere steht ist Gold wert. Gemuese und Fruechte werden hier von den netten, meist rundlichen Marktfrauen kunstvoll aufgetuermt und das Angebot ist jeden Tag etwas anders: Mal gibt’s Erdbeeren, mal Melonen und naechste Woche vielleicht Pfirsiche. Wer sich unschluessig ist, darf naruerlich ein Stueck probieren und zu jedem Einkauf gehoert zum Schluss auch noch ein kleines Geschenk dazu. Zum Beispiel eine Locoto (eine Art Chili) oder ein paar Extra-Tomaten. Ebenfalls zu erwaehnen ist die Carniceria, in der das Fleisch direkt von der Kuh geschnitten wird, zu 5 CHF das Kilo.


Aussicht aus unserem Apartement

Westliche Produkte, bolivianischen Wein und kubanischen Rum gibts im Supermercado. Nur dass man das kleine Wechselgeld oefters in Form von Bonbons zurueck kriegt erinnert einem hier noch daran, dass man in Bolivien ist.

Im Kino gibts nicht nur jede Woche einen neuen neuen Film, sondern auch auch zwei Streichelkatzen, die ihren «Job» sichtlich geniessen.

Marcelo und Roberto (Lehrer und Abwart unserer Schule) bringen uns abends in der Bar die Begriffe bei, die in keinem Dix stehen umd morgens in der Schule lernen wir weitere sprachliche Feinheiten:
Das von mir oft verwendete «cogemos el bus», zum Beispiel, heisst hierzulande nicht wie in Spanien «wir nehmen den Bus», sondern eher «wir ficken den Bus» und «estoy caliente» sollte man zu keinem Maedchen sagen, egal wie heiss die Sonne brennt!

An unserem ersten Wochenende in Sucre findet der Einzug der Studenten in die Uni statt. Mit sagenhaften sieben (!) Stunden Verspaetung startet dann der Umzug: In Kostuemen, die denen der Luzerner Guggen um nichts nachstehen, tanzen die werdenden Studys bis zur Erschoepfung… oder voelligen Betrunkenheit.

An einem anderen Wochenende nehmen uns die Lehrer Marcelo und Orlando auf eine 2-taegige Wanderung mit. Die Backen dick mit Coca-Blaettern gefuellt, schleppen wir Rucksack und Zelt den Berg hinauf. Auf Orlandos kleinem Spiritus-Kocher dauert die Zubereitung des Nachtessens zwar ewig, aber dafuer wird der Rest des 96 prozentigen Singani (Grappa) danach gleich leergetrunken. Nach einer stuermischen Nacht erklimmen wir dann den hoechsten Gipfel der Umgebung. Halb verdurstet und mit einem Mordshunger treffen wir schliesslich in Orlandos Heimatsdorf ein. Nur Sonntags wird hier die Villa einer reichen Architektin zum Edelrestaurant umfunktioniert. Der Bus-Chauffeur weiss nicht wie ihm geschieht, als er von uns zum Essen eingeladen wird und ich frage mich, ob ich nach Lasagne und all den Salaten noch ein drittes Rindsfilet verdruecken kann…

An meinem Geburtstag gibt Reto mal wieder alles und organisiert nicht nur die weitaus groesste Schoggitorte meines Lebens, sondern auch einen Ueberraschungsapero mit der ganzen Schule. Weitergefeiert wird dann im «El Huerto», das ungefaehr einem 4-Stern-Restaurant entspricht und 4-Gang-Menus fuer 6 CHF verkauft. Mmmmmmm!

Als Studentenstadt steht Sucre im Zentrum des politlischen Konfliktes zwischen Altiplano und Lowland. Ausserdem wurde der Hauptstadt Sucre vor Jahren gewaltsam die Exekutive und Legislative entrissen und nach La Paz versetzt. Aus diesen Gruenden gibts hier regelmaessig harmlose Proteste, die im Normalfall aber eher einem Volksfest aehneln, denn schliesslich gehoert das Demonstrieren und Streiken ja zu den beliebtesten Hobbys der Bolivianer und Peruaner.

Wie alle fuenfzig Jahre soll nun auch noch die Landesverfassung erneuert werden. Sucre und die Lowlands sind aber mit den Ideen der Altiplano-Regierung ueberhaupt nicht einverstanden, denn diese zielt immer staerker Richtung Kommunismus. Der Praesident Evo Morales moechte ausserdem seine Amtszeit von 5 auf 20 Jahre verlaengern und die Rechtssprechung soll kuenftig von den Dorfbewohnern durchgefuert werden, ganz nach dem Motto: «zurueck ins 15. Jahrhundert»!

Nach 500 Jahren Fremdbestimmung versteht die Mehrheit der Bolivianer noch nicht viel von Demokratie und ist immernoch der Ueberzeugung, dass Politik mit den Faeusten gemacht werde. Deshalb kommen nun immer mehr Bauern aus La Paz um sich mit den Studenten aus Sucre zu pruegeln. Naja, solange sie dies zu vereinbarten Zeiten im Parque Bolivar tun, stoert es uns ja nicht gross…

Erst am Freitag der vierten Woche wirds langsam brenzliger: Ueberall in den Strassen brennen Autopneus und dunkler Rauch vermischt sich mit beissendem Traenengas. Die Tueren des Supermercados werden nur noch einen Spalt geoeffnet als wir uns mit genuegend Food eindecken um uns einige Tage einbunkern zu koennen. Als wir vorsichtshalber auch schon mal die Waesche abholen und die Bibliotheksbuecher zurueckbringen, sind nur noch wenige Leute ohne Schlagstock unterwegs. An einer Ecke werden Molotowcoctails abgefuellt und als wir zur Schule wollen um uns ueber die Situation zu erkundigen, rennt eine Menschengruppe schreiend in unsere Richtung. Wir rennen ebenfalls und kaufen auf dem Heimweg eine Zeitung. Drin steht, dass sich bereits 2’500 La Paz-Bauern am Stadtrand sammeln um hier «nach dem Rechten zu sehen» und die «Ponchos Rojos» von Seite Evo Morales den Buergerkrieg wollen. Vorerst kuehlt aber ein Abendgewitter die Situation ab.

Am naechsten Tag geht es dann am Stadtrand los, die schlecht ausgebildete Polizei greift uebermaessig ein und ein Student wird getoetet. Ausserdem wolle das Militaer einen Fernsehsender einnehmen, hoeren wir…

Am Morgen darauf fahren Pickups voll mit ueberdrehten «Kriegern» in die Innenstadt. Als wir nach einem offenen Internetcafe suchen, beobachten wir wie man probiert den einzigen noch offenen Shop zu pluendern und als auch in der Innenstadt eine Person ums Leben kommt wird es uns zu viel und wir packen unsere Sachen. Ganz einfach ist es nicht hier weg zu kommen, den saemtliche Wege, inkl. Flughafen, von und nach Sucre sind blockiert und es fahren kaum noch Taxis.


Lagerfeuer vor unserem Apartement?!


Ueberall werden Autoreifen verbrannt

Als wir am Nachmittag hoeren, dass eine Strasse geoeffnet worden sei, wollen wir die Gelegenheit nutzen, tun uns mit zwei Deutschen zusammen und finden schliesslich einen Taxifaher, der uns nach Potosi bringen will und spaeter auch genuegend Benzin um dahin zu kommen. Um weitere Strassenschlachten zu verhindern hat man unterdessen vereinbart, dass saemtliche Polizisten aus Sucre abgezogen wuerden und als wir auf Schleichwegen die Stadt verlassen, werden gerade saemtliche Polizeiposten abgefackelt.

Mit einem schlechten Gefuehl im Bauch kommen wir schliesslich heil in Potosi an. In Sucre gibt es zu viele Woerter, die wir noch nicht gelernt, zu viele Dinge, die wir noch nicht angeschaut und zu viele Leute von denen wir uns noch nicht verabschiedet haben… Ausserdem dauert es noch eine ganze Weile, bis die ganze Spannung von uns abfaellt und wir wieder ohne erst nach links und rechts zu schauen auf die Strasse treten.

In den vergangenen Monaten hattn wir nicht nur Sucre, sondern ganz Bolivien mitsamt seinen Einwohnern lieb gewonnen. Deren Zukunft erscheint nun ungewiss wie eh und jeh und wohin man in diesem Land auch schaut sieht man nicht nur eine wurderschoene Landschaft, sondern auch eine Menge ungeloester Probleme…

Liebe Gruesse aus dem Land wo Schulkinder den Strassenkindern Geld geben und auch auf der Baustelle neben unserem Haus taeglich ein 10-jaehriger Junge arbeitet,

Petra und Reto

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