ça roule!

Nachdem die letzte Route wegen der schlechten Pisten ganz schön viel mit Wandern zu tun hatte, freue ich mich endlich etwas zu rollen… und tatsächlich: ça roule!

Zuerst rollt’s bergauf, immer dem grünen Dades-Tal entlang, bis hin zur tief eingeschnittenen Schlucht und weiter, vorbei and vielen alten Kasbahs mit beigen Lehmmauern und vielen neuen Hotels mit blauen Swimmingpools. Als wir schliesslich da ankommen wo der Asphalt aufhört, sind wir aber bereits wieder aus der Touri-Zone heraus. In dem Stück Extra-Gewicht mit der Aufschrift «Reise Know How Marokko» steht ab hier jedenfalls mal wieder wenig Brauchbares drin.

In unserer Herberge gibt es zwar einen Möchtegern-Guide, der mit uns «la tour de village» macht, doch wenn die Hygiene in der Küche denselben Stellenwert hat wie auf dem Klo, sehen wir schwarz für unsere beiden Schweizer Mägen. Trotzdem haben wir es mal wieder nicht geschafft das gut gemeinte Angebot des freundlichen Besitzers abzulehnen. Aus dem Fenster haben wir ihn dann losdüsen sehen um Gemüse zu kaufen und dann weiter zum Metzger …und er strahlt ein wunderbares Zahnlücken-Strahlen als er nun die kunstvoll aufgeschichtete Tajine für uns aufdeckt!

Die Reste nehmen wir gleich mit und verschlingen sie am nächsten Tag, währenddem wir einen 3’000 m-Pass hinauf holpern. Hier ist die Rollerei zugegebenermassen ganz schön anstrengend, aber immerhin… es rollt! Ganze drei Autos begegnen uns heute. Zwei davon dann auch noch mit Wallisser Nummer! Alle halten artig an und fragen, ob wir was brauchen, Wasser oder Nahrungsmittel vielleicht?! Aber wir haben natürlich alles, inklusive dem schweren Wassersack auf Retos Gepäckträger, den man uns im letzten Dorf prall gefüllt hatte.

Für Wasser oder Camping-Platz wird widersprüchlicherweise nicht gerne Geld angenommen, obwohl die sehr armen Familien das Wasser oft ebenfalls weit herholen müssen und obwohl ansonsten ja sehr viel gebettelt wird…

Wir wachen gerade von einem Nickerchen am Strassenrand auf, als etwa fünf Frauen mit ihrer voll beladenen Eselskaravane auf uns zukommen. Sofort geht das Geschnatter und Gekicher los. Sie wollen mal wieder alles von uns: Kleider, Hautcreme und das Haargummi an meinem Handgelenk gleich dazu. Schliesslich lässt sich Reto erweichen und schmeisst eine Runde Schweizer-Schoggi auf. Als sie dann aber auch noch sein T-Shirt wollen, wird es ihm zuviel und er beginnt es auszuziehen. Dies bringt den erhofften Effekt: Die Frauen laufen lachend und kreischend davon und wir rollen weiter den Berg hinauf…

Bereits von weit oben sehen wir unten im Tal zwei Personen winken und irgendwelche Zeichen geben. Es ist ein ca. 7-jähriger Junge mit seiner grossen Schwester. Ganz aufgeregt halten sie uns an und fragen per Zeichenspache nach einer Velopumpe, denn auch sie sind mit dem Fahrrad unterwegs. Der Junge ist fleissig mit Pumpen beschäftigt während Reto seine Bremse flickt. Danach führt er uns in einer action-reichen live-Demo vor, dass auch die Bremse seiner Schwester kaputt sein muss, denn wenn man sie zieht rutscht das Hinterrad. Anscheinend hatte sie deswegen einen Sturz. Schmunzelnd probieren wir zu erklären, dass dagegen nur Velofahren-Üben hilft und auch den mit Nadel und Faden zusammengenähten Pneu können wir nicht ersetzen. Als wir uns verabschieden, düst der Junge wie von einer Wespe gestochen in Richtung seiner Tasche los und kommt mit einer Dose Sardinen zurück, die sie uns als Dank schenken möchten. Natürlich nehmen wir sie nicht an, freuen uns aber trotzdem über das Erlebnis, denn normalerweise will man uns Stylos abschnorren und nicht Sardinen schenken…

An einem Abend möchten wir einen Ziegen-Hirten in der Nähe eines Hofs fragen, ob wir hier campieren dürfen. Als Reto auf ihn zusteuert versteckt sich der alte Mann erst hinter einem Busch, kommt dann aber doch hervor, begrüsst uns freundlich und kichert wie ein kleines Mädchen. Nach langem Gestikulieren hat er glaubs verstanden, dass wir hier schlafen möchten und wir haben glaubs verstanden, dass er da drüben wohnt und wir doch bei ihm schlafen sollen. Etwas später kommt er dann mit seinen Schafen nochmals vorbei, schaut sich unser Zelt an und fragt, ob wir was zu Essen brauchen. Als ich ihm das Gemüse zeige, das wir im letzten Dorf gekauft hatten, ist er dann aber beruhigt und nimmt auch gerne zwei Mandarinen mit. Endlich kann er sein einziges französisches Wort einsetzen: MERCI, MERCI!

Nun sitzen wir bereits oben auf dem letzten Pass und essen das, was von den fünf Ovo-Schoggi-Tafeln übrig geblieben ist, die Reto zu Beginn der Reise mal in die Thermoskanne gestückelt hatte. Dies ist zugleich auch das Ende des Velo-Teils unserer Marokko-Reise, denn bis Kasbah Tadla geht’s nur noch bergab und das ganz schön lange.

ça rouuuuuuuuuuuuule!

Bis bald… Insha’Allah,
Petra & Reto

 

Posted by