Trans Atlas

 Was lange währt wird endlich gut

Mit einem Tag Verspätung treffen wir schliesslich doch noch in Marrakech ein (take it easy with easy jet). Majid, der Vater einer früheren Schulkollegin, erwartet uns bereits am Flughafen. Er führt hier mitten in der Altstadt ein Guesthouse in einem wunderschön renovierten Riad. Bei Minzentee und Datteln kann man sich im lauschigen Innenhof gar nicht vorstellen, dass unmittelbar vor den Türen das marokkanische Leben mit voller Lautstärke in seinen Bahnen läuft. Am Abend werfen wir uns dann in den Jungle des Souks und besorgen das, was für den morgigen Start noch fehlt: Flip-Flops, Brot, Benzin und WC-Papier.

In den nächsten 10 Tagen kurven wir auf kleinen Schottersträsschen durch den hohen Atlas. Die Route führt über einige Pässe, durch viele grün gesäumte Flüsse und vorbei an unzähligen kleinen Berberdörfern. Sie ist sehr, sehr eindrücklich, landschaftlich oft wunderschön, aber auch recht anstrengend. Nicht nur körperlich, sondern vor allem auch, da unsere Kulturen so unterschiedlich, die Armut so gross und unsere Mägen den hygienischen Verhältnissen schlicht weg nich gewachsen sind.

Zurück bleiben viele Erlebnisse, Bilder und Szenen, von denen ich hier einige zu beschreiben probiere:

* Auf dem grossen Sonntagsmarkt in Demnate kaufen wir Reis, Kartoffeln und Gemüse. Die für Camping-Zwecke so geeigneten Fertig-Gerichte sind nicht zu finden. Was man bei uns in Karton oder Kunsttoff verpackt im Sumpermarkt kauft fehlt eigentlich komplett, auch auf dem kleineren Ortsmarkt. Der Besitzer eines Markt-Standes sieht Reto absolut verständnislos an, als wir versuchen nach einer Instant-Suppe zu fragen: Uns sei doch wohl klar, wie man eine Suppe macht: Man nehme Wasser, Gemüse, Gewürz, …

* Das kleine Schotter-Strässchen ist oben an die Felswand geklebt, während die wenige Grünfläche unten im Tal für die Landwirtschaft genutzt wird. Verkehr gibt es ganz schön viel, aber nur vierbeinigen. Allerdings haben die Maultiere in ihrem Leben noch selten ein Velo gesehen und ängstigen sich dementsprechend vor uns. Wir müssen deshalb ganz schön aufpassen, dass auf dem engen Pfad nicht plötzlich jemandem das Pferd durch geht…

* Oben Grand Canyon, unten grüne Gärten und dazwischen Berber-Dörfer, die so nahtlos an die Felswände heran gebaut sind, dass man sie zum Teil erst beim zweiten Hinsehen erkennt: Idylle pur! Plötzlich ein Motoren-Geräusch das sich mit rasantem Tempo nähert. Zwei farbig gekleidete Motorrad-Fahrer mit verspiegelter Ski-Brille und einer Art weiss-silbernen «Moonboots» schiessen um die Ecke. Selbst ein bisschen erschrocken über diese Erscheinung fragen wir uns was der Grossvater, der am Wegrand sitzt wohl gerade denkt!? ..und erst die Maulis…

* Wir fahren in ein Dorf hinein, bereits gefasst auf das was praktisch jedes Mal auf uns zu kommt: 10 bis 20 Kids, die die Zeit der vermeindlichen Uhr (Velocompi) wissen, unsere Sonnenbrille anziehen oder doch allermindestens einen Stylo oder Dirham von den reichen Touristen haben wollen. Insgesammt macht das dann 20 bis 40 Kinderhände, die alle in eine andere Richtung zerren… seufz!

* Die Piste führt 1001 Mal durch den selben Fluss, manchmal verläuft sie auch 40 oder 50m im Flussbett drin. Das macht die Sache spannend wenn man keine nassen Füsse bekommen möchte …und führt dazu, dass wir am Abend sämtliche Reifen von eingedrungenem Wasser und Schlamm befreien um uns nacher mit der kleinen Pumpe die Hände wund zu pumpen. Trotzdem fangen wir in den wenigen Tagen ganze drei Platten ein. Und das nachdem wir ein ganzes Jahr lang keine einzige gehabt hatten!

* Ein gite d’etape ist eine Art Homestay-Unterkunft. Ein Bett gibt’s nicht (Möbel kennt mann hier sowieso kaum) und auch «Privatspähre» ist definitiv kein Begriff. Meist gibt es dafür einige Teppiche am Boden, Kissen und Tajine zum Nachtessen.
Das Berber-Männchen in Amezrit spricht zwar kein Wort französisch, zeigt
uns aber ganz genau vor wie man hier den Tee trinkt:
Ins Glas füllen. – Zum Mischen wieder in den Krug zurück schütten. – Einschenken – Probieren – Trinken – Safi? Safi!
Dann wie man duscht:
Feuer machen unter dem Boiler – Ausziehen – Warmes Wasser in den Topf giessen und über sich schütten – Abtrocknen – Anziehen – Safi? Safi!
Und wie man Tajine isst wissen wir unterdessen selbst…
Safi? Safi!
…dass es sich beim Berber-Männchen von Amezrit um «le chef de village» handelt, erfahren wir erst einen Tag später. Was «Safi» heisst auch.

* Abends sitzen wir im gite d’étape von Brahim. Er ist Bergführer und hatte für uns den ganzen Fussboden mit Karten und Fotos ausgelegt und mit seiner Erfahrung viel zu unserer Routenwahl beigetragen. Nun probieren wir mit Hilfe des Reiseführers herauszufinden wie das im Detail funktioniert, wenn man sich ohne Papier den Hintern wischt… aber die wirklich nützlichen Dinge stehen da mal wieder nicht drin! 🙂

* Seit einigen Stunden schieben wir die schwer beladenen Velos einen steilen Pass hinauf, als uns jemand entgegen kommt und deutet, diese Strasse sei nicht passierbar. Bald sehen wir woran es liegt. Das Wasser hat ein Stück der Strasse weggerissen. Für Maultiere bleibt sie aber passierbar… demnach für Velos auch.

* Angestrengt halten wir nach einem Fluss Ausschau. Hier sollten wir nämlich für den nächsten Tag Wasser nehmen. Die Hoffnung steigt, als wir sogar eine Brücke ausmachen und sinkt, als wir das kleine braune Rinnsal sehen, das unter ihr durch fliesst. Wir lassen es darauf ankommen und schauen, was unser neuer Wasserfilter so alles kann. Die Hoffnung steigt, als er wunderbar klares Wasser spuckt und sinkt, als nach zwei Flaschen genau gar nichts mehr heraus kommt. Ein Bisschen doof kommen wir uns dann vor als wir wenig später ein Haus finden wo man uns die restlichen Flaschen ganz selbstverständlich mit kühlem, klarem Quellwasser auffüllt…

* Wir waren auf einem Schotterweg über einen kleinen Pass geholpert als die Sicht auf die riesige Ebene, die nun unter uns liegt, frei wurde. Für einmal stellen wir unser Zelt auf einem kleinen Hügel direkt an der Strasse auf, denn auf dem Weg hierher ist uns nur ein einziges Auto begegenet und es wird sowieso bald dunkel. Währenddessen beleuchten die letzten Sonnenstrahlen des Tages die dicken Regenwolken und erzeugen so einen Regenbogen und eine wahnsinns Stimmung. Auch der Sternenhimmel der sich so weit weg von jeglichem Umgebungslicht zeigt, hat wenig mit dem zu tun, was wir in den Schweizer Städten sehen…

* Bereits am Mittag quartieren wir uns im gite d’étape von Alemdun ein und die beiden Berber-Frauen finden es suuuper lustig, dass wir kaum ein Wort ihrer Sprache sprechen. Ist es aber nicht, denn Reto wird mal wieder von Durchfall und Fieber geplagt. Unser Raum hier ist recht belebt. Abgesehen von den üblichen Moskitos und Käferchen wohnen hier auch einige Vögel, eine Menge Ameisen und eine vermeindliche Maus, die über meinen Schlafsack spaziert entpuppt sich bei Licht als Monster-Riesen-Käfer, der direkt auf meine Nase zu steuert. Am nächsten Morgen habe auch ich die grösste Mühe, die Suppe zu behalten, die uns der fürsorgliche Hausherr bringt. Uns ist klar, dass dies der falsche Ort ist um gesund zu werden und wir entscheiden uns nach Boumalne du Dades herunter zu schwanken. Bereits der Umstand, dass hier in Boumalne nicht auf der schmutzigen Toilette abgewaschen wird stimmt uns positiv und als wir sogar einen kleinen Supermarkt finden fühlen wir schon wieder so gut wie gesund. Doch der Eindruck täuscht und bereits zwei Tage später haben wir schon wieder Magen-Darmprobleme. Aber das merken wir erst im Bus auf dem Weg zu den Dünen von Erg Chebbi; und das ist eine andere Geschichte, die in einem anderen Blog erzählt werden soll..

Liebe Grüsse aus Marokko,
Petra & Reto

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