Das grosse Weiss

Mit einem strahlenden Reto streife ich zwei Stunden lang durch Iquiques groessten Supermercado. Schwieriger wirds allerdings, als es darum geht Infos ueber die weitere Route zu finden: Brauchbare Karten von diesem Gebiet existieren schlichtweg nicht, fuer die Chlilenen endet die Welt an der Grenze und die Bolivianer hier draussen sind sehr sehr schlecht gebildet und noch kaum aus ihrem Kaff herausgekommen. Uns bleibt also nichts anderes uebrig, als auf den Satellitenbildern von Google Earth nach Jeep-Tracks zu suchen und deren Koordinaten herauszuschreiben…

«Velofahren ohne Grenzen», ist das Motto des heutigen Tages: Fuer einmal lassen wir Grenzformalitaeten und dazugehoerige Menschenschlangen links liegen und pedalen illegal ueber die Grenze nach Chile. Die bolivianischen Grenzbeamten stoert das anscheinend nicht und die chilenischen werden von unserem Freund und Helfer zurueckgepfiffen. Die netten Carabineros haben naemlich versprochen, uns mit einem Pickup zum Salar de Coipasa zu bringen. So ersparen sie uns die bolivianischen Strassen, ueber die wir bis jetzt nur schlechtes gehoert hatten…

Als wir bei diesem Angebot mit grossen Augen nach dem Preis gefragt hatten, haben sie nur geschmunzelt und stolz erklaert, sie seien chilenische Polizisten und die liessen sich nicht kaufen! Und tatsaechlich: Ein netter Haendedruck und weg sind sie. Wir aber stehen mutterseelenalleine auf dem Salz des Salar Coipasa und schalten Retos GPS an.


Gruene Grenze nach Bolivien

Bald schon sind wir wieder in Bolivien (nicht nur auf dem Papier), pedalen den einsamen Jeep-Tracks entlang und ziehen von Zeit zu Zeit das Velo aus dem einen oder anderen Sandloch. Das GPS findet das Oertchen Hizo mit erstaunlicher Zielsicherheit. Anstelle eines klaeffenden Hundes rennt diesmal ein maehendes Schaeflein Retos Rad hinterher. Es gehoert wohl einem kleinen Maedchen. Dieses umarmt es naemlich so innig dass sie bald beide im Sand liegen. Seine Eltern ziehen fuer uns einen Eimer Wasser aus einem tiefen Brunnenloch und geben uns einen suessen Ginua-Trunk zur Erfrischung. Dieses mineralielnreiche, Cuscus-aehnliche Getreide wird hier naemlich angebaut – zumindest dann, wenn der Regen die Sand-Aecker einigremassen fruchtbar macht.

In einem anderen Doerfchen fragen wir die aus der Schule heraus rennenden Kids nach dem Namen des Ortes. «Challacollo», schreien sie uns wie aus einem Mund entgegen. Und welcher Weg nach Lica fuehre? «Da vorne rechts» – wieder wie aus einem Mund. Das Foto von Eiger Moench und Jungfrau das wir hierlassen hat zwischen den zerrenden Kinderhaenden wohl kein langes leben, aber egal 😉

Von Lica gehts diagonal ueber den groessten Salzsee dieser Erde, den Salar de Uyuni. Zweieinhalb Tage lang sehen wir weiss, bevor wir auf der anderen Seite aufs Ufer stossen. Die langsam groesserwerdende Isla Pescador und die Zahlen auf dem Tacho sind hier der einzige Beweis, dass wir ueberhaupt vorwaerts kommen, denn das endlose Weiss bietet dem Auge kaum Halt. Wir erkennen bald, dass diese Kilometer auf ihre eigene Art und Weise hart werden und stoepseln den Ipod rein. Mit Vangelis und Vanessa May in den Ohren durch diese surreale Landschaft zu fahren ist unbeschreiblich! Es gibt Leute, die nehmen starke Drogen um aehnliches zu erleben 😉
Jetzt bremsen uns hoechstens noch der Wind und die Hexagon-Strukturen des Salars.

Vielleicht ist es ganz gut, dass wir erst gegen Abend bei der Isla Incahuasi ankommen. Die letzten Touristengruppen sind naemlich gerade dabei die Insel zu verlassen. Im Gegensatz zu uns Radlern duerfen sie hier naemlich nicht uebernachten. Bei Sonnenuntergang stehen wir jedenfalls alleine oben auf der ueber und ueber von Kakteen bewachsenen Insel und geniessen die unglaubliche Rundsicht auf den Salar.

Eine alte Frau fuehrt ein Gaestebuch fuer Ciclistas und ist vom Schweizerberge-Foto begeistert, das wir da einkleben. «Pura nieve!?» staunt sie unglaeubig, als wir erklaeren, dass es sich beim weissen Zeugs auf dem Bild um Schnee handle und nicht um Salz.

MIt einem Lama-Burger im Bauch schlafen wir gut aber kurz, denn wie es sich fuer echte Fotografen gehoert stehen wir bei Sonnenaufgang wieder oben auf dem Mirador auf Posten – Reto mit einer Kamera bewaffnet, ich mit einer Thermosflasche voll heisser Schockolade!

Heute ist die Sicht nicht ganz so klar. Als wir losfahrenist die Insel hinter uns schon bald verschwunden. Fuer den Rest des Tages sehen wir nun rund herum nur noch weiss!

Das Zelt zu tarnen wird fuer einmal etwas schwierig und um die Heringe einzuschlagen haben wir exta einen Stein von der Insel mitlaufen lassen. Aber da stellen sich noch andere Probleme: Wohin, wenn man mal kacken muss?! Nur das Wissen, dass das alles waehrend der naechsten Regenzeit im Salzschlamm versinkt beruhigt unser Gewissen etwas 😉 Und zum Glueck haben wir weissen WC-Papier und nicht das in Bolivien weit verbreitete pinkige, das waere auf dem riesiegen Weiss doch etwas auffallender.

Zum Sonnenuntergang, der Nacht und dem Sonnenaufgang lasse ich mal Retos Bilder sprechen:

Am Ufer bauen vermummte Arbeiter mit Pickel und Schaufel Salz ab und wir sind uns noch nicht so ganz Sicher, ob wir uns freuen sollen am Ufer angekommen zu sein oder es bedauern, diese «andere Welt» zu verlassen. Etwas steht allerdings fest: Der Salar ist ein wahnsinns Erlebnis und die Pizza in Uyuni himmlisch!

Liebe Gruesse aus dem Land, wo das Licht im Guesthouse durch Kurzschliessen von Kabeln angeschaltet wird,
Petra und Reto

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