Abenteuer Carretera Austral

Falls wir irgendwann behauptet hatten Wassersportarten zu mögen, waren wir uns wohl noch nicht ganz bewusst, dass auch das Velofahren zu dieser Kategorie gehören kann, aber erst einmal von vorne…

Obwohl die Tickets laengst ausverkauft sind, finden Ygramul und Artax noch Platz auf der ersten Fähre, die in dieser Saison verkehrt und schon wenige Stunden spaeter stellen wir unser Zelt im nichttropischen Regenwald des Pumalin Parks auf. [Anmerkung der Redaktion: Ja, genau REGENwald und «nichttropisch» kann auch als «arschkalt» verstanden werden!

Vorerst wandern wir aber noch trockenen Fusses durch dichtes Gebuesch, vorbei an sprudelnden Bergbaechen, regenschirmgrossen Blaettern und Jahrtausende alten Baumriesen. Erstaunlicherweise tun wir dies auf wunderschoen angelegten Pfaden. In einem normalen chilenischen Nationalpark waere dies kaum moeglich, da die Rancher unserer Erfahrung nach nur dazu da sind die Leute von den Parken fern zu halten, was sie mit Vorliebe durch masslos ueberteuerte Preise tun. Dieses Land aber gehoert dem nordamerikanischen Gruender der Marken «Esprit» und «North Face». Er hat es aufgekauft um den faszinierenden Wald zu schuetzen und den Leuten als Erhohlungsgebiet zur Verfuegung zu stellen. Nur schade, dass dies ausser den Touristen niemand zu schaetzen weiss…


Alercen, riesige Bäume die bis 3’600 Jahre alt und 50 m hoch werden können

Also campieren wir halt ganz alleine auf einem riesigen Gratis-Camping. Am nächsten Morgen dürfen wir mit den Ranchern so nah als möglich an eine Gletscherzunge heran fahren und kriegen einige bitternötige Tipps, wie wir am besten dorthin kommen, denn ein Weg existiert noch nicht. Unsere Füsse schmerzen vor Kälte als wir zum x-ten mal durch einen eiskalten Gletscherfluss waten, aber schliesslich stehen wir doch noch vor der beeindruckenden Eismasse, die ächzend und knackend von einem Vulkan herunter kriecht. Der Rückweg wird erstrecht schwierig, denn das Wasser ist eher noch gestiegen und zweimal stehen wir fast bis zur Hüfte im reissenden Gletscherwasser.

Am nächsten Tag gehts wieder mit dem Fahrrad weiter, denn bis Villa O’Higgns liegen immerhin noch stolze 1’200km Schotterstrasse vor uns! Es ist gar nicht allzulange her, dass dieses kurvige Strässchen ins unwegsame Gelände Patagonies geschnitten wurde und oft mussten halbe Felswände weggesprengt werden um eine Strasse dahin zu kleben. Bis 1976 war den südliche Teil Chiles verkehrstechnisch noch kaum erschlossen und bis heute leben hier nur wenige Menschen.

Nachdem wir unsere Regenkleider monatelang unbenutzt mit uns geschleppt hatten, kommen sie jetzt so richtig zum Zug: Während Tagen regnet es immer wieder. Wir pedalen eingepackt dahin und fragen uns wie die Gletscher über uns wohl aussehen. Pflitschnass und halb erfroren legen wir schliesslich ganze 80 km und 1’500 Höhenmeter zurück um wenigstens für die Nacht ein Dach über dem Kopf zu haben, doch auch im Hospedaje trocknen unsere Sachen kaum. Die Luftfeuchtigkeit ist schlichtweg zu hoch.

Aber nach dem Regen scheint die Sonne und nachdem wir in Coyhaique drei Tage lang sogenannte «Kuchenes» gefuttert haben, pedalen wir bei blaustem Himmel Richtung Süden weiter; durch gelbe Felder, vorbei am zackigen Cerro Castillo, entlang dem knatschgrünen Lago General Carrera und mit dem wasserreichen Rio Baker bis zur 4’000-Einwohner-Metropole Cochrane.


Cerro Castillo (2’675 m.ü.M.)


¡Yeah, das ist doch eine Abfahrt!

Zum Glück haben wir das Höhenprofil der Route nicht, denn sonst wären wir wohl manchmal schon bei dessen Anblick tot vom Rad gefallen… Ja, die Carretera verlangt uns allen so einiges ab und auch Artax und Ygramul zeigen die ersten Ermüdungs-Erscheinugnen. Innerhalb einer Woche brach bei beiden ein Schraubengewinde aus dem Rahmen aus und sie mussten zum Onkel Doktor um sich schweissen zu lassen. Ausserdem sind die Kettenblätter bereits so stark abgenutzt, dass die einstigen Zähne eine Wellenform haben die sogar den Pazifik neidisch machen…

Als wir uns nach einer längeren Flick-Aktion an den Fluss setzen um etwas zu essen, kommt Milton Cruce aus dem Wald. Auch er schaut gut zu seinen Pferdchen, lädt ihren Sattel ab und lässt sie am Fluss grasen. Er sei auf dem Weg nach Argentinien strahlt er, von hier seien das noch etwa fünf Tage!

Kurz darauf treffen wir einen weiteren Chilenen. Auch er geht mit seinen zwei Pferden und zwei Hunden auf Shopping-Tour, denn als wir ihn am folgenden Tag an der Fährstation wiedersehen, hat er eine nigelnagelneue Kuh dabei und auf den vollen Taschen seines Gepäckpferdes sitzt sogar ein junges Kätzchen. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken lädt man den ganzen Zoo in die Fähre und wir tuckern über den Fjord.

Auf ihrem letzten Stück wird die Carretera Austral nochmals zu einer richtigen Traumstrasse: Der Verkehr reduziert sich auf eine Handvoll Fahrzeuge am Tag und wir pedalen durch unberührte Natur, vorbei an wunderschönen Seen und gletscherbedeckten Bergen. Während Tagen campieren wir mitten im Nirgendwo, baden abends tapfer in den gletscherkalten Flüssen um Staub, Schweiss und Sonnencreme loszuwerden, ernähren uns aus dem schweren Foodsack auf Retos Gepäckträger und füllen unsere Bidons in den sprudelnden Bergbächen.

Es gibt zwar wenige Fahrzeuge, aber ihr wollt nicht wissen wie es sich in der Staubwolke dahinter anfühlt! Doch das Luftanhalten sehen wir als Unterwasserrugby-Training 😀

Die ungezähmte Natur hat durchaus auch ihre Schattenseiten, das muss ja schliesslich auch mal gesagt werden! So beziehen sich die meisten Wildlife-Sichtungen auf Schnecken, die einem quer durchs Zelt kriechen, Stinktiere die einem die Foodvorraete im Vorzelt streitig machen, Spinnen die ihr Netz in unseren Schuhen bauen sowie Milliarden von Stechmücken und Riesen-Bremsen die uns ununterbrochen um den Kopf surren. Reto haut während einem durchschnittlichen Mittagessen rund 25 Stück davon kaputt und mein Auge ist an einem Tag gar so aufgeschwollen, dass ich kaum noch heraussehe…

Nach ungefähr 1’200 km, 16’000 Höhenmetern, 19 Fahrtagen, fast so vielen Pasta-Packungen, 2 Büchsen WD40, einer Flasche Sonnencreme, null Platten und etwa 5 kleineren Pannen, 170 Litern Flusswasser, 20 netten Campsites und einer kitschigen, einem spektakulären Sturz [keine Angst Sylvia, keine bleibenden Schäden 😉 ] und sagenhaften 8 Hot Showers kommen wir schliesslich am letzten Zipfel dieser abenteurlichen Strasse an.


«Fin del Camino Carretera Austral»

Wo für Autofahrer das Abenteuer aufhört fängt es für uns erst richtig an. Denn Radler und Wanderer können hier über die Anden nach Argentinien, aber das ist eine andere Geschichte und soll in einem anderen Blog erzaehlt werden…

Liebe Gruesse,
Petra und Reto

PS: Da gegen Süden die Tage immer länger werden, muss sich Reto direkt schon beeilen um zwischen Sonnenunter- und aufgang auch noch ein Nachtfoto zu schiessen 😉

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